Ein wirklich gutes Jahr (Pretty Good Year)
von Mary Borsellino, übersetzt von Cúthalion

Kapitel 40
Kesselflicker, Seemann, Schneider und Soldat

Falsche Kamille und Eisenkraut, kleingehackte Pfefferminze und Johanniskraut – Rosie hatte mehr gelernt über Kräuter, die die Seele heilten, als sie je für möglich gehalten hatte. Und Frodo hatte an mehr holzigen, würzigen Tees genippt, als er sich erinnern konnte. Manchmal halfen sie auch ein bisschen.
Im Moment trug er eines von Sams Hemden, dicker und wärmer als die feinen Stoffe, aus denen seine eigenen Sachen gemacht waren, und weit besser dafür geeignet, das graue, windige Wetter abzuhalten. Die Ärmel waren an seinen Handgelenken zusammengesteckt und der Kragen klaffte am Hals weit auf. Frodo kam sich ziemlich klein und jung vor darin; er fühlte sich an längst vergangene Zeiten erinnert. Pippin hatte sich einmal mitsamt all seinen Sachen von oben bis unten mit Schlamm oder etwas ähnlich Scheußlichem beschmiert; er hatte sich begeistert mit Merrys viel größeren Kleidungsstücken kostümiert.
Es war nicht gerade der beste Tag zum Herumwandern. Ein Himmel voller Schäfchenwolken am frühen Morgen hatte heftige Güsse am frühen Nachmittag versprochen, aber Frodo machte das nichts aus. Rosie hatte darauf bestanden, dass er bei seinem Spaziergang einen Schirm mitnahm, aber er ließ ihn unten auf dem Zauntritt an der Ecke des Stolzfuß-Anwesens zurück und setzte seinen Weg fort, die Hände in den Hosentaschen und das Gesicht zum regenschweren Himmel erhoben.
Es war ein Tag zum Äpfelstehlen, zum Verstecken und für Abenteuer. Ein halbes Dutzend Kinder sprang und tollte herum; ihre Eltern hatten zu tun und waren mit der Ernte beschäftigt.
Ein paar von ihnen waren unten am Wasser und ließen Blätterboote auf dem Fluss schwimmen.
„Addie, du Biest! Ich hab gesehen, wie du den Stein nach mir geschmissen hast!“ schrie ein kleiner Junge ein gleich großes Mädchen an und stakste wütend weg. Sie streckte ihm die Zunge heraus und wandte sich an ihre Freunde.
„Hab ich nicht! Ihr habt’s doch gesehen oder? Ich bin kein Biest!“
Die anderen Kinder zuckten die Achseln. Der Zauber des Spieles war dahin und sie wanderten davon. Zurück blieben nur Addie und ein etwas älterer Junge, den Frodo als Jacky Schönkind wiedererkannte.
„Hallo, ihr beiden.“ Frodo ging zu den beiden hinüber.
„Fastred hat gesagt, er ist deinen Baum raufgeklettert. Ist er wirklich?“ fragte Jacky und wischte den Schlamm auf seinen Händen an beiden Seiten seiner Hosen ab. Trotz des wolkigen Tages war seine Nase sonnenverbrannt.
„Ja, ist er. Du kannst vorbeikommen und es auch versuchen, wenn du magst.“ bot Frodo an.
„Fastred ist so stark!“ sagte Adaldrida mit einem glücklich klingenden Seufzen.
„Jetzt hör aber mal, ich bin stärker.“ behauptete Jacky. „Er fürchtet sich bei Stürmen immer noch zu Tode, und ich tu das beinahe nie. Und schwimmen kann ich doppelt so weit wie er.“
„Niemand schwimmt hier, so lange das Wasser so unruhig ist.“ warf Frodo ein. „Du bist alt genug, um es besser zu wissen.“
Addie pflückte eine der spät blühenden Blumen und zupfte die Blütenblätter im Rhythmus ihres Reimes ab: „Kesselflicker, Schneider, Seemann und Soldat…“ Die kleinen gelben Blätter fielen wie ein leuchtend gelber Regenschauer auf das Ufer nieder. „ Reicher Mann, armer Mann, ein Dieb, der gar nichts hat…“
„Ich bin später bestimmt ein reicher Mann.“ erklärte Jacky dem kleinen Mädchen. „Wenn ich groß bin, werde ich Advokat. Ich werde einen feinen Anzug tragen und dann musst du mich ,Herr Schönkind’ nennen. Möchtest du gern die Frau eines Advokaten sein?“
Addie schnaubte. „Ich werde die Frau von niemandem sein. Ich werde für immer und ewig alleine leben.“
„Das hört sich ziemlich einsam an.“ sagte Frodo, während die drei am Flussufer entlanggingen.
„Du bist nicht verheiratet, aber einsam bist du nicht, oder?“ fragte Addie.
„Nein, aber ich lebe auch nicht allein.“
„Fastred sagt, du hättest ein wunderbar glückliches Zuhause, so wie in einem Märchenbuch.“ sagte Jacky.
Frodo lächelte darüber. „Ja, ich glaube, ziemlich genauso ist es wohl, und ich schreibe es auch auf, ganz wie ein Märchen.“
„Du meinst, all das hier… das Leben in Hobbingen, Boote auf dem Fluss schwimmen lassen und Bäumeklettern… das gehört alles zu deiner Geschichte mit den Elben und den Spinnen und den Schlachten?“ Jacky’s Augen wurden riesengroß. Frodo lachte.
„Das ist ein sehr wichtiger Teil. Ich schreibe alles, jedes Wort, auf Papierfetzchen, und dann schreibe ich die wichtigen Stücke ab, oder die Teile, die dem Rest einen Sinn geben, und das kommt dann in mein Rotes Buch. So bekommen die Leute, die die ganze Geschichte wollen, was sie sich wünschen. Und die, die sich nur für das Herzstück interessieren, sind auch zufrieden.“
„Dann kommen wir also auch darin vor? Du schreibst auf, worüber wir heute geredet haben?“ Addie klatschte in die Hände.
„Ja. Aber es kommt wohl nicht in das Buch, sondern in den Papierstapel. Mit dem Buch bin ich heute morgen fertiggeworden.“
„Wirklich? Also ist alles vorbei? Das Abenteuer ist zu Ende?“
„Zu guter Letzt, Jacky, zu guter Letzt. Und es tut mir nicht leid, dass es endlich vollständig ist, denn es war eine furchtbar schwierige Reise bis dahin.“
Jacky zuckte die Achseln. Fastred hatte ihm die Geschichten erzählt, und alles hatte sich wie ein großer Spaß angehört.
„Wie geht es denn nun aus?“ wollte Addie wissen.
Frodo legte den Kopf zurück und ließ die ersten leichten Regentropfen auf seine Wangen und Augenlider fallen.
„Auf die einzig mögliche Weise.“ sagte er mit ruhiger Stimme und lächelte den Kindern zu.

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