Ein wirklich gutes Jahr (Pretty Good Year)
von Mary Borsellino, übersetzt von Cúthalion
Kapitel 28
Ein neuer Tag
Die Luft war warm, der Wind mild, und das Sonnenlicht nicht stark genug, um den Augen wehzutun. Der Morgen in Beutelsend hatte angefangen wie so oft; Sam wachte als erster auf und machte sich ans Melken. Bei seiner Rückkehr fand er Frodo vor, der den Kessel aufs Feuer setzte. Frodo legte ihm die Arme um den Hals und gab ihm einen Guten-Morgen-Kuss, und wenn es eine bessere Art gab, den Tag zu begrüßen, dann konnte sich Sam das kaum vorstellen.
Sie brachten Rosie das Frühstück ans Bett; sie machte ihnen diese Freude, so oft sie konnte und es war schön, einmal ihr diesen Gefallen zu tun.
Sie waren allesamt bereits mitten in ihren täglichen Geschäften, als Elanor in ziemlich stürmischer Stimmung aufwachte. Die allermeiste Zeit war sie ein so süßes Baby, wie es sich drei Eltern nur wünschen konnten, aber wenn die Laune sie packte, konnte es die Kraft ihrer Lungen mit denen eines Drachen aufnehmen. Frodo nahm sie mit hinaus zu einem Spaziergang , um Sam und Rosie ein paar Stunden Atempause von dem Krach zu verschaffen.
Sicher in einen Tragegurt verpackt, wurde Elanor ihr eigenes Geschrei bald langweilig; sie begann in ihrer Babysprache zu plaudern und brabbelte gutgelaunt vor sich hin, während Frodo ausschritt.
Eine Gruppe Mädchen, die gerade dabei waren, einen Leiterwagen fröhlich bunt anzupinseln, winkten ihm zu. Eine von ihnen war wagemutig genug, ihm zuzurufen, dass er warten sollte, bis sie fertig waren; dann würde sie ihn auf eine unvergessliche Fahrt mitnehmen.
Ich bin nicht mehr ganz in deiner Altersklasse! rief Frodo lachend zurück. Das Mädchen, so sommersprossig, dass die vielen Pünktchen fast zu einer gleichmäßigen Bräune verschmolzen, ignorierte das Gejohle ihrer Freunde und wirbelte herum.
Du hast noch genug Jahre übrig für mich! konterte sie schlagfertig. Übrigens habe ich läuten hören, dass nicht nur die Lebenszeit der Beutlins ganz besonders lang ist. Ist da was Wahres dran?
Lila! kreischte eines der anderen Mädchen entsetzt. Papa wird dir eins überziehen, wenn er das hört!
Frodo warf der unverschämten Göre einen Luftkuss zu und schlenderte weiter. Scheinbar standen Blumen in allen Farben, Formen und Größen gleichzeitig in Blüte; sie überzogen die Erde mit leuchtenden Regenbögen. Der ganze Tag fühlte sich an wie ein einziges sonniges Gelächter.
Autsch Jacky, halt, meine Füße tun weh, und du gehst viel zu schnell! Eine junge Stimme beklagte sich laut. Frodo hielt inne und schaute sich um, als zwei Jungen, der eine ein paar Jahre älter als der andere, den Weg herunterkamen. Der vordere, Jacky, blieb stehen, als er Frodo sah. Der kleinere Junge folgte ihm im Dauerlauf, dann grinste er, als er merkte, was Jacky aufgehalten hatte.
Kann ich dein Baby angucken? fragte er.
Ja, natürlich. Frodo lächelte. Sei vorsichtig, sie ist sehr klein.
Sie ist gar nicht deins! warf Jacky ein. Sie ist von deinem Gärtner. Und sie ist auch kein anständiges Hobbitbaby, sagt jedenfalls meine Mutter; sie hat komisches, gelbes Haar.
Frodos Augen wurden schmal. Wie heißt du?
Jacky Schönkind. Ist das wahr, dass du Elben gesehen hast? Ich hab deinen Gärtner gefragt, aber er war grob mit mir, er wollte mir keine Geschichten erzählen. Mein Vater sagt, du müsstest ihm mal zeigen, wo sein Platz ist.
Sieht so aus, als hätten deine Eltern ganz genaue Vorstellungen davon, was ich zu tun habe. sagte Frodo trocken. Warum haben sie dir außer all den vielen Ratschlägen nicht auch ein bisschen Höflichkeit mitgegeben?
Jacky schniefte, dann starrte er finster auf den kleineren Jungen hinunter. Komm schon, du Schlafmütze, beeil dich! Er rannte weg und schrie etwas, das man unmöglich verstehen konnte. Der Kleine seufzte und schaute zurück zu Elanor.
Hör nicht auf meinen doofen Bruder. sagte er zu Frodo.
Das ist schon in Ordnung. Ich bin mit Dingen fertig geworden, die schlimmer waren als er.
Igitt! Der Junge zog ein Gesicht. Jemanden, der noch schlimmer ist als Jacky, will ich nie und nimmer kennen lernen. Übrigens, ich heiße Fastred. Sie ist ein sehr hübsches Baby. Und gelbe Haare sind schön.
Sie wird wunderbar aussehen, wenn sie älter ist. sagte Frodo mit einem weichen Lächeln. Die Leute werden sich in sie verlieben, wo immer sie auch hingeht.
Wie kannst du so was bloß wissen?
Ich weiß es tief in meinem Herzen. Und ich freue mich, dich kennen zu lernen, Fastred. Wir waren gerade auf dem Weg zum Teich, möchtest du vielleicht mitkommen?
Da hab ich schon mal Kaulquappen gefangen! begeisterte sich Fastred. Kannst du Steine übers Wasser hüpfen lassen? Ich möchte wissen, wie man das macht, könntest dus mir beibringen?
Ich fürchte, ich weiß es auch nicht. Vielleicht finden wir das ja gemeinsam heraus.
Sie gingen zum Wasser, und sie spielten mit hüpfenden Steinen herum, und Fastred kitzelte Elanor und brachte sie zum Quietschen. Es war eine fröhliche, aber auch eine durch und durch schlammige Angelegenheit, und bis zum Mittag waren sie von Kopf bis Fuß braun verschmiert.
Das hat mir Spaß gemacht. Kann ich dich ein anderes Mal besuchen und mir deine Geschichten anhören? fragte Fastred, als sich ihre Wege trennten.
Jederzeit. versprach Frodo.
Sam und Rosie amüsierten sich prächtig über den verdreckten Zustand, in dem Frodo und Elanor nach Beutelsend zurückkehrten. Sie leerten schwere Eimer mit warmem Wasser in die Kupferwanne und schleppten flauschige Handtücher und dicke Seifenstücke herbei.
Das ist doch viel zu heiß! Frodo schreckte zurück. Rosie krempelte einen Ärmel hoch und prüfte die Temperatur an der Innenseite ihres Handgelenkes.
Nie und nimmer ist das heiß! Und Elanor ist so fröhlich wie nur was. Sie spritzte ein bisschen Wasser auf das Baby. Die Kälte sitzt viel zu tief in deinem Körper. Die Hitze wird dir gut tun, und wenn es dir zuviel ist, setz dich einfach hin und warte, bis es abkühlt.
Natürlich waren am Ende alle Kleider durchweicht und jedermanns Haare voller Schaum, und das Ganze war mehr eine Entschuldigung zum Herumspritzen als eine Reinigungsprozedur. Aber keinem von ihnen machte das irgend etwas aus.
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