Ein wirklich gutes Jahr (Pretty Good Year)
von Mary Borsellino, übersetzt von Cúthalion
Kapitel 29
Steinsuppe
Rosie glaubte an Geschichten
an die, die ihr Vater erzählt hatte, während sie als kleines Mädchen auf seinen Knien saß, an die Abenteuer, von denen Bilbo wieder und wieder berichtete, wann immer die Kinder ihn darum baten. An die Romanzen, die ihrer Mutter so viel bedeuteten, weil sie so ganz anders waren als das Leben, dass sie kennen gelernt hatte. Geschichten, Geschichten. Rosie verleibte sie sich ein wie reife Trauben vom Weinstock.
Es gab auch Geschichten ganz ohne Worte. Die Geschichte von Frodos Atem, wenn er geküsst wurde. Der süße, volle Geschmack von Sams Haut ein Märchen, genau wie Elanors rosiger, kleiner Mund, wenn sie gähnte. Die Legende vom Flattern ihrer Hände auf den Armen der beiden, die sie am meisten liebte, wenn sie den Puls unter ihrer Haut ertastete.
Sie wünschte sich, es gäbe einen Weg, diese Geschichten zu erzählen, sie aufzuspießen wie Schmetterlinge und ihre Form zu studieren. Doch andererseits hatte sie es nie gemocht, wenn ihre Brüder Schmetterlinge fingen; frei herumflatternd waren sie viel schöner als eingesperrt hinter Glas. Rosie vermutete, dass es bei Geschichten ganz ähnlich war; besser, man ließ sie frei fließen und sich im Laufe der Zeit verändern. Wenn etwas einmal niedergeschrieben worden war, wurde es reglos und flügellahm. Manchmal nahm sie alte Märchen, solche, mit denen sie aufgewachsen war wie schon ihre Eltern vor ihr; sie veränderte sie ein wenig, weil sie jetzt eine ganz neue, fabelhafte Bedeutung darin entdeckte. Sam und Frodo lehnten sich dann aneinander und hörten zu, während sie sprach, gefangen in der Welt, die ihre Worte erschufen.
Es waren einmal drei Kinder, die lebten in einer Hütte im Wald, zusammen mit ihrem Vater, einem freundlichen, alten Schafhirten. Zwei Jungen und ein Mädchen, sie hießen Jasper, Karfunkel und Rubinie. Sie waren zufrieden und glücklich, und sie liebten einander mehr, als irgend jemand ermessen konnte.
Eines Tages spielten Jasper und Karfunkel gerade in den Hügeln, als Jasper eine kleine Kiste aus leuchtend rotem Holz fand, die jemand aus Versehen dort vergessen hatte. Die Buben rannten heim, um sie ihrem Vater zu zeigen, aber der freundliche alte Schafhirte wich voller Entsetzen zurück.
,Diese Kiste gehört der bösen Königin, die am Rande des Waldes lebt. Ihr müsst sie zu ihrem Schloss bringen und dort in den Ofen werfen, damit sie zu Asche verbrennt. sagte er zu Jasper und Karfunkel. ,Nehmt diese Gaben für eure Reise. und er reichte jedem von ihnen neun Scheiben frisches Brot und neun kleine Steine.
Die Buben wollten nicht gehen, aber sie wussten, dass ihnen keine Wahl blieb, also küssten sie Rubinie zum Abschied und machten sich auf den Weg.
Weiter unten auf der Straße trafen sie eine Spatzenmutter mit einem Nest voller hübscher, kleiner Eier; sie sang ein Lied, bei dem sie nicht anders konnten, als zu lächeln.
,Das ist ein süßes Lied. sagte Karfunkel zu der Spatzenmutter.
,Ich danke dir. erwiderte sie. , Aber ich singe, weil ich traurig bin. Meine Kleinen werden bald ausschlüpfen, und ich habe nichts zu essen für sie.
,Hier. Jasper reichte sein Brot herüber. , Deine Kleinen können das hier essen. Er wandte sich erwartungsvoll an Karfunkel. Nun Karfunkel liebte Brot, vor allem das gute warme Brot, das Rubinie ihnen gebacken hatte. Aber er wusste, das Jasper recht daran tat, der Spatzenmutter Essen zu geben, also bot ihr Karfunkel acht von seinen Brotscheiben an, behielt aber eine in seiner Tasche, um sie später mit Jasper zu teilen.
Genau in diesem Augenblick stieß eine fette, schwarze Krähe herab und versuchte, das Essen der Spatzenmutter zu stehlen. Karfunkel holte die Steine aus seiner Tasche und warf sie nach der Krähe, und er schrie, um sie zu vertreiben, Jasper tat dasselbe, und als Karfunkel keine Steine mehr hatte und Jasper nur noch einen einzigen, da flog die Krähe wieder davon.
Als Dank zeigte ihnen die Spatzenmutter im Gras ein Messer, das jemand aus Versehen dort liegengelassen hatte. Die Buben verstauten das Messer in Karfunkels Tasche und setzten ihren Weg fort.
Sie hatten das Schloss fast erreicht, als die leuchtend rote Kiste plötzlich zu wachsen begann. Sie wuchs und wuchs und wurde zu einem Käfig, und Jasper fing sich darin und saß in der Falle. Ein Rudel grimmiger Wölfe kam vom Schloss herunter und holte ihn hinein, und obwohl Karfunkel vor Angst bleich wurde wie der Tod, folgte er ihnen doch, denn er brachte es nicht fertig, Jasper zu verlassen.
Die böse Königin aber hatte die Kiste so verhext, dass sie das Leben aus einem jeden heraussog, der in ihr gefangensaß, damit sie dieses Leben in sich aufnehmen und immer stärker werden konnte. Karfunkel blieb drei Tage und drei Nächte in den Schatten verborgen und wartete auf eine Gelegenheit, Jasper zu retten. Jeden Tag fingerte die böse Königin an Jasper herum und suchte nach seinem Herzschlag; und sie stieß ihn zornig beiseite, wenn ihr klar wurde, dass er immer noch lebte.
Die Kiste verrichtete ihr grausames Werk an dem Jungen, jeden Tag wurde er bleicher und dünner. In der dritten Nacht schlich sich Karfunkel aus den Schatten und hinüber zu dem leuchtend roten Gefängnis, und er gab Jasper das letzte, aufgesparte Stück Brot, um dem Jungen ein wenig Kraft zu geben. Sie weinten, denn sie fürchteten sich, aber sie wussten, was sie zu tun hatten. Karfunkel holte das kleine Messer der Spatzenmutter heraus und schnitt einen von Jaspers Fingern ab, und die ganze Zeit über weinte er. Dann warteten sie auf den Morgen, Jasper im Käfig und Karfunkel daneben.
Als die böse Königin nun ans Jasper herumtastete, hielt er ihr den abgetrennten Finger hin. Dieser hatte keinen Herzschlag, und mit einem Schrei des Triumphes öffnete die böse Königin den Käfig. Karfunkel rannte hinter sie und stieß sie hinein, während er gleichzeitig Jasper herauszog. Gemeinsam schlugen die Jungen die Tür zu und verriegelten sie, dann stießen sie den Käfig mit der bösen Königin darinnen in den Ofen.
Kreischend vor Wut und ihrer Niederlage gewiss schüttelte die böse Königin ihre Fäuste gegen Jasper.
,Fluch über dich! Du magst glauben, du hättest gesiegt, aber es wird fürwahr ein bitterer Sieg sein. Von diesem Augenblick an sollst du nichts anderes mehr essen als Felsen, Steine und Kiesel, und selbst angesichts eines Festmahles sollst du hungern und dahinsiechen!
Von Karfunkel sagte die böse Königin nichts, denn sie hatte nicht einmal geahnt, dass er da war.
Die beiden Jungen flohen aus dem Schloss und rannten heim zu ihrer Hütte. Ihr Vater war fortgegangen, aber Rubinie war da, um beide zur Begrüßung zu küssen und Salbe auf Jaspers Finger zu streichen.
Es war trotzdem nicht alles gut, denn als Jasper versuchte, sein Abendessen zu sich zu nehmen, konnte er es nicht bei sich behalten, und selbst die süßesten Speisen machten ihn elend. Karfunkel rang die Hände und bekümmerte sich sehr um seinen Bruder, und er erzählte Rubinie, was die böse Königin gesagt hatte.
Rubinie zog den letzten Stein aus Jaspers Tasche und brachte in einem großen Kupfertopf Wasser zum Kochen. Sie ließ den Stein hineinfallen und rührte um.
,Wenn das alles ist, was du essen kannst, dann soll es eben so sein. Ich werde Suppe machen. erklärte Rubinie. ,Nun müssen wir sie eine Weile stehen lassen, um den Geschmack herauszuziehen.
Sie saßen und warteten; Karfunkel und Jasper waren sehr verwirrt, denn wie konnte ihre Schwester Suppe aus einem Stein machen? Nach einem Weilchen hob Rubinie den Deckel vom Topf, probierte ein wenig und nickte.
,Ja
ja, fast fertig, aber es braucht eine Prise Salz. sagte sie leise zu sich selbst und fügte das Salz hinzu. Sie rührte noch einmal und probierte wieder. ,Hmmmm
fast richtig. Ich könnte genauso gut auch noch diese Karotten nehmen, wo ich sowieso schon beim Kochen bin.
Sie setzten sich und warteten noch ein wenig, und diesmal versuchte Karfunkel die Steinsuppe.
, Noch nicht ganz
ich frage mich, ob von gestern abend noch etwas Lamm übrig ist? Wäre doch eine Schande, es zu verschwenden, wenn es noch welches gibt. Und hinein kamen drei dicke Scheiben Lammfleisch. ,Und diese Kartoffel wird verderben, wenn wir sie nicht verwenden. Selbst wenn dies nur Steinsuppe sein mag und sie wird wie fauliger Dreck schmecken, was immer wir auch tun es ist besser, wir nutzen die Essensreste hierfür als gar nicht.
Sie saßen und warteten noch ein wenig, dann nahm Rubinie den Topf vom Herd und verteilte die Suppe in drei Schüsseln. Natürlich lag der Stein immer noch auf dem Boden des Kupfertopfes, und Jasper war immer noch verflucht, nichts zu essen als Felsen, Steine und Kiesel, aber sie hatten der Mischung so viele köstliche Dinge hinzugefügt, dass die Kinder das, was bitter war, kaum noch schmecken konnten.
In Wahrheit war es Rubinie und Karfunkel gelungen, dass Jasper für immer fröhlich von Steinsuppe leben konnte, und so besiegte er die böse Königin.
Top Nächstes Kapitel Stories bis 18 Stories ab 18 Home
|