Ein wirklich gutes Jahr (Pretty Good Year)
von Mary Borsellino, übersetzt von Cúthalion

Kapitel 34
Geschenke

Éowyn pflegte immer wieder einmal Pakete und Geschenke an ihre Hobbitfreunde zu schicken, nie sehr nützliche Dinge, aber immer Kleinigkeiten, die sie zum Lächeln brachten. Diesmal war Merry der Empfänger, obwohl er seine Beute selbstverständlich mit allen teilte. Stel, Juli, Merry und Pip kam hoch nach Beutelsend zum Abendessen, denn wenn Frodo nicht mehr ins Auenland hinausgehen wollte, dann musste das Auenland eben zu ihm kommen. Sie pflanzten sich auf bequeme Stühle rund um das Feuer und fingen an, die Geschenke durchzusehen.
Da gab es fein geschnitzten Zierrat, Vögel, Drachen und Schmetterlinge aus Holz und Eisen. Eine weiche Puppe für Elanor, fast so groß wie das Kind selbst. Rosie, Juweline und Estella bekamen jeweils Kamm, Bürste und Spiegel aus Silber, und weil Éowyn wusste, dass dies allein ein allzu feierliches Geschenk gewesen wäre, enthielten die hübschen kleinen Kistchen außerdem dünne Flöten, die klare Töne von sich gaben, ein paar Becher mit eingeätzten Blumen am Henkel und eine dazu passende Zunderbüchse. „Feuerteufel…“ sagte Sam, als Rosie vor Begeisterung aufschrie.
Es gab stapelweise dickes, cremeweißes Papier und Töpfchen mit glänzend schwarzer Tinte, Bänder und Garne und exotische Sämereien, und Paket um Paket voll feiner, neuer Kleidungsstücke. Die meisten davon behielten Merry und Pippin, weil die extra langen Hosenbeine und Ärmel eine willkommene Abwechslung waren von ihren üblichen Schwierigkeiten mit zu klein gewordenen Wintersachen. Sie hatten einst gut gepasst, aber jetzt ließen sie frierende Handgelenke und Knöchel frei. Vor allem für Pippin war es ein Gräuel, zuzugeben, dass ihm seine alten Lieblingsjacken überhaupt nichts mehr nutzten.
„Fäustlinge, Schals… was denkt sie denn, was wir damit anfangen sollen?“ Merry schnaubte und hielt die dicken Wollsocken hoch, die zu den Handschuhen gehörten. „Die passen doch nie im Leben!“
„Vielleicht doch. Sie sehen aus, als ob man sie dehnen könnte.“ Pippin schnappte sich einen und probierte ihn an. Er reichte nicht einmal über seine Zehen.
„Siehst du, ich hab’s dir doch gesagt. Außerdem mag ich deine Füße, ich will nicht, dass du sie versteckst.“ Merry stürzte sich auf Pippins Füße, zog die Socke weg und kniff ihn in den großen Zeh.
„Vorsicht!“ schrie Pippin, als sein Stuhl das Übergewicht bekam und er rückwärts fiel; er riss Merry mit sich zu einem prustenden Durcheinander aus Körperteilen und Päckchen auf dem Fußboden.
„Das ist mein zukünftiger Ehemann, mit dem du da gerade herummachst, also Vorsicht!“ kicherte Juli. Merry schickte ein heimtückisches Grinsen in ihre Richtung.
„Du wirst ihn mit mir teilen müssen, genau wie Rose Sam mit Frodo teilt.“
Estella schnaubte hinter ihrer vorgehaltenen Hand, ihr Kopf war ein wenig schwindelig vom Wein nach dem Abendessen. Rosie war immer noch viel zu hingerissen von ihrer neuen Zunderbüchse, um mehr zu tun, als ihre Augen über Merrys Kommentar zu verdrehen.
„Nichts da.“ lachte Frodo. „Ich erinnere mich, wie eure Tanten euch die Ohren lang gezogen haben, wenn ihr unverschämt zu mir wart. Ich glaube, ich würde eine ziemlich gute Nachahmung davon hinkriegen.“
Sam war so rot wie nur irgendetwas von der Neckerei, und Merry merkte es, aber ein warnender Blick von Frodo erstickte alle weiteren Bemerkungen, bevor sie ausgesprochen wurden.
„Still, Meriadoc.“ warf Estella ein, die den Blickwechsel nicht gesehen hatte. „Du weißt doch, dass dieser Klatsch den Atem nicht wert ist, den es braucht, um ihn auszusprechen.“
„Ich habe auf jeden Fall Verwendung für die Socken.“ Pippin zwängte seine Hand in die, die auf seinem Fuß gesessen hatte und ließ den Daumen in der Ferse, während er die Finger krümmte, so dass die Hand sich zu einem Mund bog. Das gleiche machte er mit der anderen Socke und der anderen Hand, dann stand er auf und ging dorthin, wo Sam saß, Elanor auf seinem Schoß.
„Hallo, Entchen. Lass uns mal so tun, als wären diese beiden komischen Burschen dein Papa und Frodo. Haben sie irgendwas angestellt, worüber dein Onkel Pip Bescheid wissen sollte?“ Er ließ die Socken in ihre Richtung hüpfen und sie am Bäuchlein kitzeln. Elanor verzog das Gesicht; sie sah sehr verwirrt und bestürzt aus über die sprechenden Stoffwürmer an den Enden von Pippins Handgelenken. Sie hob ihre neue Puppe hoch und klatschte sie gegen Pippins Arm, dann verkroch sie sich mit einem ängstlichen Quietschen in Sams Hemd. Sam stieß Pippins Arme weg und umarmte seine Tochter ganz fest.
„Die Sockenpuppen Sam und Frodo können sich jetzt gleich aus dem Staub machen, vielen Dank.“ sagte er bestimmt. „Ellie mag nicht, wie sie sich aufführen, und ich muss sagen, ich nehme ihr das nicht übel.“
Pippin griente entschuldigend und tätschelte Elanors Kopf.
„Du warst doch immer so schlau und so witzig, Pippin. Hast du vergessen, wie das geht?“ warf Rosie lächelnd ein, um Sams Tadel die Spitze zu nehmen. Pippin streckte ihr die Zunge heraus und schien um alles in der Welt in diesem Moment selbst noch ein Kind zu sein.
Sie waren alle so, dachte Rosie später, als sie das Durcheinander aufräumte. Ein Teil von ihnen war alt, ein anderer aber auf eine Art jung und frei, wie sie den meisten Hobbits abhanden kam, wenn sie erwachsen wurden. Niemand außer diesen vier würde jemals wirklich wissen, wie das war; sie und Juweline und Estella konnte höchstens versuchen, es zu verstehen.
Sam und Elanor waren beide schon im Bett und Rosie schlief fast im Stehen ein. Ein dünnes Rinnsal aus Licht sickerte immer noch unter der Tür von Frodos Studierzimmer hindurch, kaum zu sehen und viel zu schwach zum Schreiben.
Rosie klopfte mit den Knöcheln gegen das alte Holz der Tür. „Komm schon, es ist weit über die Zeit, zu der vernünftige Hobbits schlafen gehen.“
„Kann jetzt nicht aufhören, oh nein, so viel, was ich noch schreiben muss. Muss all die Worte herausbringen, bevor sie mir entgleiten, muss es zu Papier bringen.“ Das Murmeln war beinahe unterhalb von Rosies Hörvermögen, aber sie bekam genug davon mit, dass es ihr eiskalt den Rücken hinunterlief.
„Es ist Zeit für’s Bett.“ Ihre Stimme war fest. „Ich komme jetzt rein, also hör auf zu schreiben, wenn du nicht willst, dass ich es sehe.“
Sie riss die Tür auf, und etwas mehr Licht ergoss sich in den Flur.
Frodo kritzelte mit fiebriger Hast, die andere Hand öffnete und schloss sich und zuckte unaufhörlich. Dunkle, schwere Blutfäden quollen zwischen den Fingern hervor.
„Was hast du dir bloß angetan?“ Rosie stürzte zu ihm hin und wollte nach seiner Hand greifen, aber Frodo stieß sie weg, immer noch mit sich selbst flüsternd.
„Muss mich an alles erinnern, muss es aufschreiben, muss es festbinden, damit es mich nicht verfolgt, wenn ich gehe. Muss es zurücklassen, noch so viel zu tun, keine Zeit.“
„Herr Frodo, ich muss nach deiner Hand sehen, leg jetzt das Schreibzeug weg.“ befahl Rosie und verfluchte den Mangel an richtigem Licht im Zimmer. Plötzlich hielt Frodo inne und saß ganz still, während sie seine verkrampften Finger auseinanderbog. Eine Spiegelscherbe steckte tief in der Handfläche.
„Ich habe so echt ausgesehen.“ sagte Frodo mit undeutlicher Stimme und starrte nieder auf seine Hand, als würde er sie kaum wiedererkennen. „In dem Glas drinnen. Mein Spiegelbild, es sah so lebendig aus. Ich wollte ihn fragen, ob er glücklich ist. Manchmal weiß ich’s nicht ganz sicher, also dachte ich, er könnte mir helfen. Dann ist das Glas zerbrochen und ich wollte sehen, ob ich blute.“
„Oh.“ Rosie drängte die Tränen zurück und zog die Scherbe aus dem Schnitt; gleichzeitig presste sie ihren Daumen auf das zerbrechliche Handgelenk, damit der Blutstrom nachließ. „Das muss verbunden werden, komm mit mir hinein, da ist mehr Licht.“
„Jetzt ist es Herbst.“ sagte Frodo, immer noch mit dieser wesenlosen, unheimlichen Stimme. „Hast du mal die Geschichte von Herbst und Winter und Sommer und Frühling gehört? Ich kannte sie, aber jetzt habe ich sie vergessen.“
„Still jetzt, lass mich die Wunde verbinden.“ Rosies Hände zitterten so heftig, dass sie aufhören und durchatmen musste, bevor sie die Baumwollstreifen glatt um Frodos Hand wickeln konnte.
„Warum weinst du denn? War das dein Spiegel, den ich zerbrochen habe?“
„Ja, aber das kümmert mich genauso wenig wie ein zerrissenes Kleid. Das ist nicht nur dein Fleisch, das du verletzt hast, es ist auch Sams und meines, und ich weiß, du willst uns nicht wehtun.“
„Sam.“ Frodo lächelte leicht. „Ist Sam hier? Ich würde ihn gern sehen.“
„Ich hole ihn dir.“ Rosie nickte, ihre Augen stechend und unnatürlich hell.
„Ich habe noch so viel zu tun. Ich muss jetzt wieder zurück an meinen Schreibtisch.“
„Schon gut, schon gut, ganz ruhig. Bleib hier, bis dein Sam zu dir kommt.“
Rosie stolperte den Flur hinunter und rüttelte Sam wach. „Samweis… Sam… wach auf. Frodo hat einen furchtbaren Anfall; ich fürchte, du musst dich zu ihm setzen, bis es vorbei ist. Er fragt nach dir.“
Sam nickte wortlos und stieg aus dem Bett. Nach ein paar Sekunden hörte Rosie leise Stimmen aus der Halle. Sie hob Elanor aus der Wiege, rollte sich unter den schlafwarmen Decken zusammen, vergrub ihr Gesicht in dem weichen Babyhaar und weinte sich das Herz aus dem Leib.

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