Ein wirklich gutes Jahr (Pretty Good Year)
von Mary Borsellino, übersetzt von Cúthalion

Kapitel 35
Kleines Herz

Sie fand Sam, der gegen die Wand des Studierzimmers gelehnt saß, genau unter dem Fenster. Frodo lag an seiner Brust zusammengerollt. Rosie bezweifelte, dass Sam in dieser Nacht mehr Schlaf gehabt hatte als sie, aber Frodo döste leicht vor sich hin.
Sie entdeckte ihr Abbild in dem runden, nicht zerbrochenen Spiegel, der in der Diele hing, blieb stehen und starrte sich an. Sie sah wie eine Mutter und Ehefrau aus in ihrem vernünftigen Nachthemd, das Haar zu einem nachlässigen Zopf geflochten und Elanor in einer Armbeuge. Sekundenlang war sie bestürzt, denn in ihrem Kopf fühlte sie sich noch immer jung und frei. Sie hatte überhaupt nicht bemerkt, dass sie irgendwann auf dem Weg erwachsen geworden war.
Sams Ausdruck war eine Mischung aus Besorgnis und Trauer; seine Hand ruhte sanft in der Vertiefung von Frodos bleicher Schulter, wo der Hemdkragen zur Seite gerutscht war. Rosie kam und setzte sich neben ihren Mann, küsste ihn zart, liebkoste seine Wange und entlockte ihm endlich ein blasses Lächeln. Sie hatte Sams Lächeln schon fast länger geliebt, als sie sich erinnern konnte. Er drückte einen Kuss auf ihre Stirn.
Elanor beugte sich vor und zerrte an einer der Locken von Frodos Haar, das langsam dünner wurde; er regte sich mit flatternden Wimpern und stöhnte im Schlaf. Sam streichelte seine Wange, bis er in den Schlummer zurücksank; sein Gesicht war so von Liebe und Kummer erfüllt, dass Rosie das Herz wehtat.
Das Zimmer war ziemlich verwüstet – zerrissene Papiere und auf den Boden geschleuderte Bücher, gewaltsam auseinandergebogen und zu einem Haufen aufgetürmt. Sam weinte still vor sich hin. Rosie nahm seine Hand, drückte sie mit aller Kraft und wünschte sich, es gäbe etwas – irgendetwas – das sie hätte sagen können.
Später, nachdem Sam Frodo ins Bett gebracht hatte und zur Beruhigung seiner Nerven mit Elanor herumschäkerte, beschloss Rosie, dass sie das Haus verlassen musste, um nicht unter all diesem Elend zu ersticken. Sie taten Frodo keinen Gefallen, wenn sie seufzend herumsaßen und die Bescherung noch schlimmer machten, nachdem sie einmal geschehen war.
Sie hatte ihr Elternhaus fast erreicht, als sie ihrem Vater begegnete. Er kam die Straße herunter, ein hinkendes Pony am Zügel.
„Hallo, Rosie, ich war gerade auf dem Weg zum Schmied. Das Pony von Rumpels hat schon wieder ein Eisen verloren. Magst du mitkommen?“
Rosie ging neben ihrem Vater her, heilfroh über die schlichte Bodenständigkeit seiner Unterhaltung. Tief im Herzen war sie ganz genauso, ein Hobbitschlag, den sie immer typisch für das Auenland gefunden hatte – als ob die meisten Hobbits ganz woanders aufwüchsen. Sie liebte ihre Träume und ihre Lieder, aber ihre Tochter und ihr Mann wurden davon nicht satt, und Frodo kam davon auch nicht hinaus in die Sonne, damit er vom Wind Farbe auf die Wangen bekam.
Rosie lächelte über sich selbst. Sie war tatsächlich erwachsen geworden.
Sie ließ sich in der Schmiede an der Seite nieder und beobachtete die Hitze und den Lärm beim Hufeisenwechsel; in diesem Moment fühlte sie sich fast von Sinnen vor Müdigkeit und Sorge.
„Als du noch ein Mädel warst, Rosie, gefiel dir nichts so sehr, als wenn jemand ein Hufeisen machte. Wo fehlt’s denn? “ fragte ihr Vater und setzte sich neben sie. „Was hat meiner Kleinen das Herz gebrochen?“
„Papa, was kann man für jemanden tun, dem es einfach nicht besser geht? Jemand, der schon ein Dutzend mal ganz und geheilt sein sollte, der es aber nicht ist?“
„Ist das Herr Frodo, von dem du da redest?“
„Stimmt.“
Bauer Kattun seufzte. „Sei vorsichtig; etwas an seiner Art sagt mir, dass er niemals gesund werden wird. Du und dein Sam, ihr mögt für sein Glück und seine Bequemlichkeit sorgen, aber abgesehen davon denke ich nicht, dass ihr etwas für ihn tun könnt. Irgendwann muss man auch loslassen.“
Tränen brannten in ihren Augen; sie wischte sie mit einem Schürzenzipfel weg und versuchte zu lächeln.
„Liebst du ihn, Rose? Es gibt Gerede unter dem Weibervolk. Sie sagen, du entehrst deine Ehe.“
„Nie und nimmer.“ Rosie schüttelte den Kopf. „Ich bin Sam nicht untreu, das könnte ich gar nicht. Ich würde mir eher mein Herz herausreißen als ihm wehzutun. Aber ich liebe Frodo, das kann ich nicht bestreiten. Ich habe noch nie in meinem Leben jemanden so geliebt wie ihn, außer Sam und Ellie. Ich sehe, wie er sich quält, und ich weiß, er möchte endlich aufgeben und fortgehen. Das mag der einzige Weg für ihn sein, sich zu befreien, aber ich bin selbstsüchtig und fordernd, und ich will ihn einfach bei uns haben, und er soll für immer glücklich sein. Warum können die Dinge nicht mehr so einfach sein wie früher, als ich noch klein war?“
„Das sind sie nie, wenn du einmal erwachsen bist.“ Ihr Vater gab ihr einen Klaps auf die Schulter. „Jetzt aber Kopf hoch, Mädel, ich könnte in der ganzen Sache ja auch falsch liegen. Vielleicht ist er im nächsten Sommer so gesund wie ein Fisch im Wasser.“
Rosie nickte und lehnte sich in seine Berührung hinein; sie wünschte sich, sie wäre noch einmal so jung, dass dies allein schon genügte, um sich besser zu fühlen.
Der Nachmittag war halb vorbei, als sie den Hügel hinauf nach Beutelsend zurückkehrte. Frodo, Sam und Elanor waren im vorderen Garten; Ellie spielte mit den gerade herabgefallenen Blättern und warf ganze Hände voll davon auf ihren Vater.
„Ich fing gerade an, mich zu fragen, ob du jemals wiederkommst.“ neckte Frodo. Seine Augen waren hohl und dunkel und die Hand immer noch verbunden, aber sonst schien wieder ganz und gar er selbst zu sein.
„Wollte ich auch nicht, aber dann ist mit eingefallen, dass keiner von euch Elanor ihre Milch geben kann wie ich, und ich dachte, es wäre besser, ich gehe nach Hause.“ gab Rosie zurück. Frodo lachte und begrüßte sie am Tor mit einer warmen Umarmung.
Ihr Vater hatte unrecht, Rosie wusste es in ihrem Herzen. Frodo würde am Ende in Ordnung sein – und wenn sie ihn an den Ohren ins Licht schleifen musste.

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