Ein wirklich gutes Jahr (Pretty Good Year)
von Mary Borsellino, übersetzt von Cúthalion

Kapitel 36

Es war einmal vor sehr langer Zeit

1391

„Zur Hölle, Rosie, geh nach Hause.“ beschimpfte Tom seine kleine Schwester. „Du bist zu klein, um mit uns mitzukommen.“
„Bin ich nicht!“ Sie verschränkte die Arme vor ihrem Schürzenlätzchen. Letztes Mal hast du Jolly mitgenommen, und er ist noch nicht mal sieben. Ich bin beinahe acht.“
Tom schielte zu Sam hinüber und zog ein Gesicht. „Ich wette, Marigold fragt Sam nie, ob er sie mitnimmt.“
„Marigold ist eine langweilige alte Spinatwachtel.“ schimpfte Rosie zurück und stampfte mit dem Fuß auf den Vorderweg. „Sie macht immer bloß Teeparties. Ich mag lieber mit euch Jungs spielen.“
„Komm schon, spiel mit Marigold. Du wirst mehr Spaß haben, sie ist ein vernünftiges Mädel, nicht so ein Dummkopf wie du.“ Tom stieß Rosie gegen die Schulter. „Verzieh dich und lass uns in Ruhe.“
„Wenn du Marigold so toll findest, dann sollte sie vielleicht besser deine Schwester sein. Und Sam kann mein Bruder sein, er ist viel netter als du. Du lässt mich mitkommen, Tom, oder ich erzähl Mama, dass du das warst, der die Milch über das ganze Tischtuch verschüttet hat, und nicht Nick.“
„Rosie!“ Tom stöhnte. „Sei nicht so eine Landplage.“
„Ist schon gut, sie kann mitkommen.“ warf Sam ein und schielte nach der Sonne über seinem Kopf. „Wir müssen los, wenn wir Herrn Wühler erwischen wollen.“
„Wenn wir ihn wegen dir verpassen…“ schimpfte Tom in Rosies Richtung. Sie streckte ihm hinter seinem Rücken die Zunge heraus und rannte dann los, um die beiden Jungen einzuholen, während sich eines ihrer Zopfbänder löste.
Sie verpassten Herrn Wühler dann doch nicht; er machte alle vierzehn Tage eine Fahrt zu der Kreuzung auf halbem Weg zwischen Hobbingen und der Brandyweinbrücke; sein Karren war voller Dinge, die von Familien an der Strecke im Dorf bestellt worden waren. Sam und Tom hatten sich die Erlaubnis erbettelt, mitzufahren – unter der Bedingung, dass sie am selben Tag auch wieder heimkamen. Rosie hoffte klammheimlich, sie würden es nicht schaffen, denn sie hatte noch nie zuvor woanders als in ihrem eigenen Bett geschlafen. Tom ignorierte sie auf dem ganzen Ausflug, während sie stundenlang zwischen Mehlsäcken und dicken Seilrollen hinten auf dem Karren saßen. Sam war netter; er zeigte ihr, wie man an den dicken Grashalmen, die meilenweit am Wegesrand wuchsen, herumkauen musste, damit der klebrig-süße Saft herauskam. Er zog die Bänder aus ihren Zöpfen und ließ ihre Haare rund um ihre Wangen kräuseln, und sie kicherte und blies ihm eine Pusteblume ins Gesicht.
Als sie ihr Ziel erreicht hatten, wollte Tom mit keinem von ihnen reden und stakste ohne ein Wort davon. Sam zuckte bloß mit den Schultern, und Rosie tippte ihn auf die Nase und sagte „Du bist!“
Es war einer dieser herrlichen Tage, so herrlich, dass Rosies Zehen sich bogen und ihr Herz sich anfühlte wie eine große Seifenblase, ganz strahlend und übersprudelnd und wundervoll. Überall gab es Blumen, sie rankten sich über Zäune und waren auf dem Boden verstreut, und dunkelgrüne Blätter, und leuchtend grünes Gras und hohe Bäume zum Klettern.
Sie sprangen herum und gingen auf Entdeckungsreise, behielten dabei aber die Zeit im Blick, um die Heimfahrt nicht zu verpassen. Sie verjagten die Vögel von einer alten Vogelscheuche und ließen sich dann davon herunterplumpsen, lachend und atemlos.
„Ich war noch nie so weit weg von Zuhause,“ sinnierte Sam und schaute hinauf in den Himmel.
„Ha! Dann bin ich schon weiter weg gewesen als du!“ prahlte Rosie, sprang hoch und rannte noch tiefer in die Felder hinein.
„Wir sollten zurückgehen.“ Sam setzte sich auf. „Bei der Laune, die Tom hat, müssen wir uns ein bisschen in acht nehmen.“
Aber Tom und Herr Wühler und der Karren waren schon weg.
„Der kleine Junge hat gesagt, ihr hättet eine andere Fahrgelegenheit gefunden, und Milo müsste nicht auf euch warten.“ erklärte ein Bauer, warf sich einen Sack mit Hühnerfutter über die Schultern und ging davon.
Rosie setzte sich an den Straßenrand und brach in Tränen aus. So weit weg zu sein, hatte wie ein tolles Abenteuer ausgesehen, aber jetzt war sie müde und ängstlich und wollte nach Hause.
„Still, wir denken uns was aus.“ tröstete Sam. „Du solltest aufhören zu weinen, davon wird dein Gesicht ganz fleckig.“
„Aber jetzt kommen wir tagelang nicht heim, und Jolly wird all meine hübschen Sachen klauen, und Papa wird mir die Haare abschneiden, weil ich schon wieder nicht gehorcht habe.“
„Also,“ Sam hielt nachdenklich inne, „ich wette, du kannst deine Sachen auch wieder zurückklauen. Und dein Haar ist so hübsch wie nur was, kein Zweifel, deshalb wird dein Vater es bestimmt da lassen, wo es ist.“
„Hast du denn gar keine Angst, Sam?“ schniefte Rosie. „Du musst schrecklich tapfer sein.“
„Bin ich nicht. Aber jemand muss schließlich einen klaren Kopf behalten, und du plärrst herum wie eine großes, nasses Huhn.“ Sam verstrubbelte ihr das Haar. „Kopf hoch, wir finden einen Weg nach Hause. Und dann werde ich in Toms sämtliche Taschen Kuhfladen stopfen, weil er uns in dieser Patsche hat sitzen lassen.“
Rosie kicherte widerwillig. Sam flocht ihre Haare, so gut er konnte, wieder in zwei Zöpfe. Soweit Rosie das sagen konnte, sahen sie ganz ordentlich aus. „Wir marschieren besser los, es ist ein langer Weg.“ Sie stand auf, strich ihren Rock glatt und versuchte, möglichst hartgesotten und stark auszusehen. Sam nickte und nahm ihre Hand. Rosie war froh über diese Geste, denn sie wollte sich nicht wie ein Baby aufführen, aber dies hier war beängstigend und seltsamer als alles, was sie jemals erlebt hatte.
Sie wanderten scheinbar ewig, bis die Sonne ganz tief gesunken war und Rosie glaubte, sie würde bestimmt im Stehen einschlafen. Zweimal war sie gestolpert, auf ihre Hand gefallen und hatte sich die Haut aufgerissen, und ihr Rock war schmutzig an den Knien. Trotzdem weinte sie nicht, schließlich war sie fast so groß wie Sam, und er war so tapfer wie eine Märchengestalt, wie ein Prinz oder ein Krieger.
Als sie endlich vor Müdigkeit nicht mehr weiterkonnten, legten sie sich neben den Straße nieder und versuchten zu schlafen. Aber rings um sie her waren Geräusche und Schatten, und Rosie stellte sich vor, dass überall Trolle und Monster herumschlichen, sogar mitten im Auenland. Sie hörte ein Klipp-Klopp und war sich ganz sicher, dass da etwas käme, um sie aufzufressen. Aber es war nur ein Pony, das eine Kutsche zog, wie man sie kaum jemals in Hobbingen zu sehen bekam. Sam setzte sich bei dem Geräusch ebenfalls auf, und dann gab er einen lauten Freudenschrei von sich und winkte den Insassen zu, als sie an ihnen vorbeikamen.
„Was denn, das ist ja der kleine Samweis! Was machst du denn hier?“ fragte der Hobbit in der Kutsche.
„Bitte um Verzeihung, Herr Bilbo, aber wir haben uns verlaufen. Könntest du uns wohl nach Hause bringen, falls du ein bisschen Platz übrig hast?“
„Oh, ich denke schon.“ Die Augen von Herrn Bilbo zwinkerten. „Komm rauf. Und wer ist dieses reizende kleine Fräulein?“
„Hallo…“ sagte Rosie schüchtern und kaute auf einem ihrer zerfransten Zopfenden herum. „Du bist der Herr Beutlin, für den Sams Ohm arbeitet.“
„Das bin ich, stimmt genau. Steig rauf, Kind, die Nachtkälte ist ja kaum zum Aushalten.“
„Wie war der Besuch bei deinen Vettern, Herr Frodo?“ fragte Sam gerade den anderen Insassen der Kutsche, als Rosie hereinkletterte. Er war noch ein Junge, jünger als Herr Bilbo, aber älter als sie oder Sam, mit schönen blauen Augen und einem strahlenden Lächeln.
„Ein Riesenspaß. Scheint, als wären sie jedes Mal, wenn ich dort bin, ein bisschen größer. Klein Pippin krabbelt schon überall herum.“ Der Junge grinste. „Und was hast du für Abenteuer erlebt, Sam?“
„Wir sind verloren gegangen, und beinahe hätte man uns nie wieder gefunden.“ piepste Rosie, während ihr Selbstvertrauen zurückkehrte. „Aber wir hatten gar keine Angst, nicht mal, als ich hingefallen bin und mir meine Hand verletzt habe.“
„Autsch!“ Der Junge hob ihre Handfläche behutsam hoch. „Ich wette, das hat wehgetan. Möchtest du einen Kuss drauf haben, damit es besser wird?“
„Ja.“ Sie nickte. „Ich bin Rosie.“
Der Junge küsste die Schramme so zart, dass es sich wie ein Schmetterlingsflügel anfühlte. „Ich freue mich, dich kennen zu lernen, Rosie. Ich bin Frodo.“
„Ich bin auch hingefallen, aber ich mach nicht so ein Theater.“ grummelte Sam und umklammerte seine Hand, als hätte er doppelt so viele Schmerzen wie Rosie. Dieser Riesenschwindler! Rosie hatte seine Hand gesehen und da war fast gar nichts. Frodo lachte und küsste Sams Hand auch, und Rosie biss sich auf die Zunge, um nicht herauszuplatzen. Sam war sehr nett zu ihr gewesen, als sie sich verlaufen hatten, und Küsse von Herrn Frodo waren etwas so Wunderbares, dass es nichts ausmachte, die kolossalsten Lügen zu erzählen, um sie zu bekommen.
„Es ist viel zu spät für solche Winzlinge wie euch, noch wach zu sein. Lehnt euch gegen mich und schlaft ein bisschen, und wir wecken euch, wenn wir da sind.“ befahl Frodo. Rosie schmiegte sich an seine Seite und begegnete Sams Augen, als er sich unter den angebotenen Arm kuschelte. Tom mochte mitsamt seinem Streich in den Fluss springen, sie hatten trotz allem viel mehr Spaß gehabt.
„Keine Angst.“ flüsterte Frodo, während Rosie schon halb auf dem Weg ins Land der Träume war. „Niemand geht jemals so sehr verloren, dass man ihn nicht wiederfinden könnte.“

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