Ein wirklich gutes Jahr (Pretty Good Year)
von Mary Borsellino, übersetzt von Cúthalion

Kapitel 39
Schön

„Damit haben meine Mutter und ich gespielt, als ich noch ein Mädchen war.“ sagte Rosie, ließ eine der Wäscheklammern über das Gras laufen und tippte Elanor damit auf die Nase. „Du malst ein Gesicht obendrauf – hier – wickelst ein Taschentuch um die Mitte und die Klammern sind die Beine.“
Es war ein windiger Tag, flammend in orange und gelb. Nachdem die Wäsche erledigt war, ruhte sich Rosie mit Elanor unter dem großen Baum nahe am Rand des Gartens aus. Frodo und Sam waren bei ihnen; Frodo schlummerte leicht, den Kopf auf Sams Knie, und Rosie hatte die Gelegenheit dazu genutzt, kleine weiße Blumen zwischen seine Locken zu flechten.
„Erinnerst du dich an das Fest unten in Wasserau – zehn Jahre muss das jetzt her sein. Als es zu regnen anfing, und jedermann sich unter dem großen Zelt in Sicherheit brachte, und wie dann diese unsägliche Olivia Boffin den Stützbalken umstieß und das ganze Zelt über unseren Köpfen zusammenkrachte?“
„Oh ja! Und der Ohm gab mir ein ziemlich farbiges Sammelsurium von Namen, als ich nach Hause kam und meine feinsten Sachen waren voller Matsch.“
„Mmmmh, meine Mama war auch nicht gerade das, was man erfreut nennen könnte. Sie sagte, ich würde noch mit dem Gesicht im Schlamm enden, wenn ich nicht mit den Füßen auf dem Boden bleibe. Sie meinte, ich sollte mir am besten irgendeinen alten, verstaubten Hobbit mit mehr Geld als Verstand suchen, wenn ich meine Sachen weiter so oft ruiniere.“ Rosie lachte. „Und sie hat wirklich mehr als recht gehabt.“
„Es war ja nicht unser Fehler, dass Livvie da, wo eigentlich ihr Gehirn hingehörte, nichts als Federn hatte…“
„Sie war ziemlich scharf auf dich.“ Rosie pflanzte mit der Wäscheklammer-Puppe noch einen Kuss auf Elanors Nase. „Immer wenn wir zwei zusammen getanzt haben, ist sie mir auf die Zehen getrampelt und hat dann versucht, dich mir abspenstig zu machen. Und du hast herumgejault und dich schleunigst davongemacht, um zu sehen, ob dein Herr Frodo vielleicht Hilfe braucht. Wenn er ein Mädchen gewesen wäre, hättest du dich hinter seinen Röcken versteckt und nach deiner Mama geschrien, so eine Angst hat sie dir eingejagt.“
„Bei den Jungs, die sich für dich interessiert haben, hast du dich doch genauso schlimm aufgeführt – glaub ja nicht, dass ich das vergessen habe!“ stichelte Sam zurück. „Wenn einer von denen bloß deinen Arm berührt hat, bist du vor Schreck hochgesprungen.“
„Nun ja…“ schnüffelte Rosie. „Das waren keine feinen Herren. Ich wollte nicht, dass die Leute über mich flüstern, und das wäre bestimmt passiert, wenn ich mit allen Jungs getanzt hätte.“
„Dafür flüstern sie jetzt über dich.“ bemerkte Frodo; er war aufgewacht und rieb seine Wange schläfrig an Sams Knie.
„Die Tänze, die ich jetzt abkriege, sind das Geflüster allemal wert.“ erklärte Rosie. „Ich sollte allmählich mit dem Eintopf fürs Abendessen anfangen. Kann ich Ellie bei euch beiden hier draußen lassen?“
Sie konnte Elanor von der Küche aus quietschen und kichern hören; Frodo und Sam führten für sie ein Wäscheklammer-Puppentheater auf. Rosie schnitt Kartoffeln, Karotten und Kürbis und sang leise vor sich hin. Sie streute Salz in den Topf und warf eine Prise davon als Glücksbringer über ihre Schulter, dann verdrehte sie die Augen über ihre eigene alberne Tölpelei. Es fing an zu regnen, und sie rief die anderen herein, ohne sich wirklich darüber zu wundern, dass sie herumtrödelten. Es versprach ein ziemlich nasser Herbst zu werden, vielleicht würden sie dafür einen trockenen Winter haben.

Die Straße gleitet fort und fort
Weg von der Tür, wo sie begann,
zur Ferne hin, zum fremden Ort,
ihr folge denn, wer wandern kann
und einem neuen Ziel sich weih’n.
Zu guter Letzt auf müdem Schuh
Kehr ich zur hellen Lampe ein,
im warmen Haus zur Abendruh.

Es war eines von Bilbos Liedern und Rosies Lieblingslied. Dinge, die zu einem guten Ende kamen, hoben ihr immer das Herz. Leise summend schaute sie auf zu dem Bild, das an der hinteren Wand hing; es war das mit den vom Schicksal gebeutelten Liebenden, das Frodo vor nicht allzu langer Zeit gemalt hatte. Sam, die Kleidung feucht von der Nässe draußen, schlich sich von hinten an sie heran und schlang die Arme um ihre Taille.
„Schaust du dir unser Bild an?“
„Es ist albern.“ Rosie legte den Kopf erst schief, dann schüttelte sie ihn. „Sie sollte wie das Allerschönste aussehen, das es je gegeben hat, aber mir scheint, dass sie bloß angestrengt versucht, nicht über dich mitsamt deinem blödsinnigen Hut zu lachen.“
„Sie ist trotzdem die Allerschönste, kein Zweifel.“ Sam pustete ihr kitzelnd in den Nacken und sie wand sich hin und her.
„Jetzt schau dir diese Flitterwöchner an.“ sagte Tom, der mit Marigold neben sich im Türrahmen lehnte. Rosie verfluchte im Stillen ihre Vergesslichkeit; sie hatte nicht daran gedacht, dass sie heute alle drei zu Hause waren.
„Wenn ihr immer noch in der Küche Spielchen spielt und ohne jeden Grund Süßholz raspelt, dann müsst ihr frisch verheiratet sein.“ Marigold lächelte, um ihrem Kommentar die Spitze zu nehmen und kam herein, um beim Kochen zu helfen.
„Wo sind Frodo und Ellyelle hin?“ fragte Rosie Sam, der mit den Schultern zuckte.
„Hier, sind wir, Rosie. Sie brauchte frische Windeln.“ Frodo kam herein, nickte ihren Gästen grüßend zu und setzte sich ans Tischende, Elanor immer noch im Arm. Sam ging hinüber, nahm sie ihm ab und überließ Frodo seinen Aufzeichnungen.
„Was denkst du, Herr Frodo? Sind die beiden zwei kichernde Flitterwöchner?“ fragte Tom. Er ignorierte, dass Frodo vorgab zu schreiben und ließ sich in den nächstbesten Stuhl plumpsen. Seufzend klappte Frodo sein Buch zu.
„Ja, ich glaube, dass sie sich lieben.“ Er nickte und lächelte sanft zu Sam hinüber, der Rosie einen Arm um die Schultern gelegt hatte, während Elanor zwischen sie gebettet lag.
Marigold schnaubte. „Ein Haus voller Träumer! Liebe wärmt Babys nicht den Hintern und bringt kein Essen auf den Tisch. Ihr drei habt zusammen nicht mal eine Tasse voll Verstand.“
„Schlag nicht diesen Ton an mit mir, Marigold.“ Sam schüttelte grinsend den Kopf. „Ich habe gesehen, wie du und Tom hier euch eines Nachts angeschaut habt, unten im Drachen. Ihr wisst genauso gut wie ich, was Liebe ist.“
„Das vergeht, Sam, das vergeht.“ seufzte Marigold und schüttete Karotten in das kochende Wasser.
„Tut es nicht – nicht, wenn ich zu bestimmen habe.“ sagte Rosie.
„Wie kommst du drauf, dass du das darfst?“ schoss Tom zurück.
„So viel Bitterkeit ist nicht die richtige Stimmung fürs Abendessen, also kannst du genauso gut den Mund halten und Herrn Frodo mit seinen Papieren in Ruhe lassen.“ teilte Rosie ihrem Bruder mit und übergab ihm Elanor. „Spiel jetzt mit deiner Nichte und sei nicht so ein Miesmacher.“
„Genau wie du, Marigold.“ stimmte Sam zu. „Ich hab genug Elend und all das gesehen, dass es für mein ganzes Leben reicht, also denke ich, es ist nur gerecht, wenn ich alles Glück, das ich mir wünschen könnte, als Ausgleich kriege.“
„Das Leben ist nicht gerecht…“
„In diesem Haus schon.“ Frodo schnitt Marigold das Wort ab. „Die beiden sind das schönste Liebespaar, das die Welt je gesehen hat, und jetzt ist Schluss mit diesem Streit.“
Tom und Marigold verdrehten die Augen, aber sie sagten nichts mehr.


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